“Goldene Doktorurkunde”

 Meine erste Veröffentlichung erschien achtundvierzig Jahre vor dem Roman „Die Villa“. Sie trug den etwas sperrigen Titel: „Die Kollektivierung des literarischen Konsums in der modernen Gesellschaft durch die Arbeit der Buchgemeinschaften“, wurde mit „Summa cum laude“ benotet und war meine Dissertation. Es ging also um die Buchgemeinschaften, von denen es damals in der Bundesrepublik mehr als ein halbes Dutzend gab, genauer gesagt um die Frage, ob die Buchgemeinschaften einen Bildungsauftrag erfüllten, indem sie ihre Mitglieder, die aus Schwellenangst nie eine Buchhandlung betraten, zum Lesen von Büchern erzogen und ihren literarischen Geschmack bildeten: von Konsalik über Remarque zu Thomas Mann. Ich wertete die Kataloge der Buchgemeinschaften aus, befragte ihre Programmmacher und die Mitglieder, deren Angaben ich auch auf Grund ihres Alters und ihrer sozialen Herkunft zu analysieren versuchte.

Die Auflage war klein. Ich ließ dreihundert Exemplare drucken. Davon gingen die für die Universität bestimmten Pflichtexemplare ab, ich verteilte einige an Verwandte und Studienfreunde, der Rest liegt auf dem Speicher und verstaubt. Die meisten Buchgemeinschaften existieren nicht mehr. Die Kaufgewohnheiten haben sich verändert. Mitgliedschaften und Abnahmevorschriften sind nicht mehr beliebt. Die Leser wollen frei wählen und ihre Lektüre nicht vorgeschrieben bekommen.

 Vor kurzem habe ich meine Dissertation noch einmal zur Hand genommen. Es gab einen Grund: Ich hatte ein Schreiben meiner Alma Mater, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, erhalten, in dem ich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sich in diesem Jahr zum fünfzigsten Mal der Tag jährt, an dem ich zum „Dr. phil.“ promoviert wurde. Die Promotionsordnung der Fakultät sieht vor, die Doktorurkunde nach fünfzig Jahren zu erneuern und in einer Feier in der Aula dem Jubilar eine „Goldene Doktorurkunde“ zu überreichen.

 Ich fuhr hin, war amüsiert und ließ mich ehren. Die Urkunde ist zwar nicht aus Gold, aber in Latein abgefasst. Ich werde sie nicht rahmen lassen, ich werde sie zu den restlichen Exemplaren der „Kollektivierung“ im Speicher legen.