Der Maskensammler, 1. Teil: Die Flucht

Wie vor der Arbeit an „Die Villa“ habe ich auch bei „Der Maskensammler“ zuerst ein Exposee verfasst, um die Hauptpersonen zu skizzieren und die Handlungsabläufe zu umreißen. Ein Exposee ist kein starres Korsett, in das ich mich bei der Niederschrift des Romans gezwängt fühle, sondern eine Art Leitfaden. Es muss Platz lassen für Änderungen, neue Ideen, Ergänzungen, Umstellungen.

Am Anfang stand das noch ungenaue Bild eines Mannes, der Probleme hat, seinen Platz in der Welt zu finden. Er sollte erst Hermann heißen, der Name erschien mir aber bald als zu teutonisch, daraufhin habe ich ihn Bernhard getauft.

Bernhard ist achtundzwanzig Jahre alt und studiert im sechzehnten Semester Ethnologie. Sein Vater, von dem er finanziell abhängig ist, kritisiert bei jeder Gelegenheit seine Unfähigkeit, die Verantwortung für seine Zukunft zu übernehmen und stellt ihm schließlich ein Ultimatum: Entweder Bernhard findet sich bereit, etwas Vernünftiges, nämlich eine Banklehre, zu machen, oder er streicht ihm die monatlichen Zuwendungen. Er gibt ihm zwölf Stunden Zeit, um sich zu entscheiden. Wenn Bernhard sich dem Willen des Vaters fügt, hat dieser ihm, gewissermaßen als Belohnung, einen Betrag von 100.000 Mark als Vorerbe in Aussicht gestellt. Es kommt zu einer dramatischen Szene, in der Bernhard scheinbar auf das Angebot des Vaters eingeht.

Bernhard hat vor, den Vater zu hintergehen. Aus der Hand eines Bankiers nimmt er den Scheck entgegen, bittet aber, mit dem Beginn der Lehre erst in sechs Wochen beginnen zu können. In dieser Zeit bereitet er, ausgestattet mit reichlich Geld, seine „Flucht“ vor. Er plant eine Reise nach Südostasien, um sich dem Einfluss des Vaters zu entziehen. Ende August 1939 schifft sich Bernhard in Rotterdam auf der „Sindaro“ ein, einem Frachtschiff, das auch ca. 40 Passagiere befördert. Hier beginnt das erste Kapitel des Romans. Während die Deutsche Wehrmacht Polen überfällt und England und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklären, genießt Bernhard – ohne von den weltgeschichtlichen Ereignissen Kenntnis zu nehmen – sein Leben an Bord. Er lernt den Schiffsarzt, Dr. Ulrich Holzer, kennen, von dem er erfährt, was seinen Vater zu einem verbitterten Mann gemacht hat. Als Professor der Germanistik an der Kölner Universität hatte Egon von Riederer an der Bücherverbrennung im Mai 1933 nicht teilgenommen. Er hatte sich zu von den Nazis verfemten Schriftstellern bekannt und war mit Schimpf und Schande als Lehrstuhlinhaber entlassen worden. Diese Demütigung hatte er nie verwunden.

Auf der langen Schiffsreise ereignen sich allerhand Vorkommnisse, deren Zeuge Bernhard als Beobachter wird. Als die „Sindaro“ in der brütenden Hitze der südlichen Breiten mit Maschinenschaden liegen bleibt, gärt die Stimmung der Passagiere. Bevor es zum Aufstand kommt, gelingt es der Mannschaft, die Maschinen wieder anzuwerfen. In Jakarta, dem damaligen Batavia, gehen Bernhard und Dr. Holzer von Bord.

(Fortsetzung folgt)